DER GROßE BINDUNGSKURS: WIE DU BINDUNG MIT KINDERN TÄGLICH LEBST

„Ich habe meinen Bruder nicht geschlagen.“ Oder „Ich habe keine Süßigkeiten gegessen.“ Diese oder ähnliche Sätze hast du vielleicht auch schon von deinem Kind gehört. Aber wie reagierst du am besten darauf? Wann ist es nur ein harmloses Flunkern und wann eine ernste Lüge? Darauf gehe ich in meinem heutigen Blogartikel genauer ein.

Kinder sagen hin und wieder die Unwahrheit, das ist Teil ihrer Entwicklung und völlig normal. Dabei lässt sich unterscheiden zwischen kleinen Kindern im Alter von 2 bis ca. 3 oder 4 Jahren, die eher flunkern, und Kindern von 4-8 Jahre, die durchaus ernst bleiben können beim Lügen. Oft wird die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit von kleinen Kindern noch nicht erkannt. Sie haben eine blühende Fantasie und können die schönsten Geschichten erzählen, die gar nicht der Realität entsprechen.

Kinder ab dem Grundschulalter lügen ebenfalls häufig. Sie können sich bereits schon mehr in andere hineinversetzen und lügen genau deswegen, um z.B. Ärger zu vermeiden. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, weshalb Kinder hin und wieder flunkern bzw. lügen. Die häufigsten Gründe sind:

Einen eigenes Ziel erreichen

Das Kind möchte ein Ziel erreichen oder einen Vorteil für sich rausschlagen und sieht gerade keine andere Möglichkeit als zu lügen. Zeige deinem Kind deshalb gerne Strategien, wie es ohne Lügen zum Ziel kommen kann. Im Grund möchte das Kind nur für sich einstehen und sich weiterentwickeln und nutzt aufgrund fehlender Strategien eine Lüge.

 

Wunsch nach Gesehen und Gehört werden

Vielleicht fühlt das Kind sich nicht richtig gesehen und wünscht sich durch seine Flunkerei ein bisschen Anerkennung für das, was es kann. Es erzählt deshalb vielleicht beeindruckende Geschichten von sich selbst, die gar nicht stimmen. Versuche deshalb gerne die Talente und Stärken deines Kindes zu sehen und zu fördern. Z.B. könnte dein Kind einem Hobby nachgehen, das ihm besonders gut liegt und das ihm viel Spaß bereitet. Dadurch erlangt dein Kind mehr Selbstbewusstsein und kann von dir und seinem Umfeld gesehen und gehört werden.

 

Ausprobieren und Fantasie

Kinder, vor allem Kleinkinder wollen durch Lügen ausprobieren, experimentieren, Grenzen spüren und ihre eigene Identität finden. Dies darfst du deinem Kind zugestehen, solange kein anderer dadurch zu Schaden kommt. Versuche deshalb z.B. auf kleine Fantasiegeschichten einzusteigen und versuche das Bedürfnis hinter dem Lügen zu erkennen.

 

Überforderung

Falls dein Kind ein wenig überfordert ist mit den Erwartungen, die du hast, oder vielleicht auch durch Erwartungen die Lehrer*innen und/oder Freunde haben, dann kann es sein, dass es auf Notlügen ausweicht. Sprich mit deinem Kind darüber, wie es sich fühlt und was es braucht und sage z.B.: “Du hast xy erzählt. Das war gar nicht so, oder? Du warst vielleicht ganz überfordert, oder? Brauchst du meine Hilfe, damit wir das lösen können?”

 

Lügen aus Scham oder Angst

Wenn dein Kind dich nicht enttäuschen möchte, dann kann es durchaus passieren, dass es aus Scham lügt. Dann ist es wichtig deinem Kind zu vermitteln „Fehler dürfen sein. Ich mache auch Fehler. Du kannst mir alles erzählen. Oft haben Kinder auch Angst vor der Reaktion der Eltern oder auch der Freunde. Sie versuchen dann über die Lüge einen Konflikt zu vermeiden oder möchten niemand enttäuschen.

 

So kannst du reagieren, wenn dein Kind lügt:

1) Thema direkt ansprechen
Sprich offen mit deinem Kind darüber, wenn du feststellst, dass es dich bewusst angeflunkert hat. Stell ihm bitte keine Falle, und ignoriere auch nicht das Verhalten. Es ist wichtig offen miteinander zu kommunizieren, damit ihr Vertrauen aufbauen könnt, und du verstehen kannst, warum dein Kind gelogen hat. Bleibe dabei so wertfrei, wie möglich.

2) Ehrlichkeit ist wichtig
Vermittle deinem Kind den Wert von Ehrlichkeit mit einer klaren Begründung und übt dabei Perspektivübernahme: „Wie fühlst du dich, wenn Menschen ehrlich mit dir sind? Ist es dir auch wichtig, dass du deinen Freund*innen vertrauen kannst?”

3) Vertrauen vermitteln
Vermittle deinem Kind immer wieder „Du kannst mir alles sagen. Auch wenn ich verärgert bin, finden wir eine Lösung. Du kannst es mir wirklich immer sagen, auch wenn Du was Unerlaubtes getan hast. Ich liebe dich, egal was passiert.”

4) Konsequenzen aus dem Verhalten aufzeigen
Sprich mit deinem Kind ab der Schulzeit ruhig darüber, welche Konsequenzen Lügen haben können. Bleibe dabei in der Haltung: !Verhalten kann jederzeit geändert werden, Fehler machen wir alle mal.”
Versuche gerne ruhig zu bleiben und auf Schimpfen oder auf Vorwürfe zu verzichten. Wenn du schimpfst wird dein Kind in Zukunft womöglich noch öfter schwindeln um Ärger zu vermeiden.

5) Humor und Fantasie
Bei kleinen Kindern in der magischen Phase (Kleinkindalter) kannst Du deren fantasievollen Ausführungen ebenfalls mit Humor und Fantasie begegnen, z.B. fragen „Hat dein unsichtbarer Freund die Kekse gegessen?“ oder “Oh ja, ich sehe auch den Hund. Ich glaube der hat Hunger. Komm wir füttern ihn.”

6) Unerfülte Bedürfnisse und Gründe herausfinden
Um dein Kind zu verstehen und zukünftige Situationen zu vermeiden, in denen es lügt, solltest du erstmal den Grund der Lüge und unerfüllte Bedürfnisse herausfinden. Hat dein Kind vielleicht Angst und fürchtet Konsequenzen, z.B. weil es eine schlechte Note in der letzten Arbeit geschrieben hat? Zeige Verständnis, wenn du dein Kind beim Lügen beobachtet hast und rede mit ihm offen darüber. Einige der möglichen Gründe habe ich dir weiter oben bereits aufgeführt.

7) Vorbild sein
Eltern dienen ihren Kindern als Vorbild. Wenn dein Kind herausfindet, dass du auch hin und wieder auf kleine Lügen zurückgreifst .„Wir haben keine Süßigkeiten mehr.“ Dann wird sich dein Kind das bei dir abschauen und auch kleine Notlügen nutzen. Kinder ahmen ihren Eltern Vieles nach, daher darfst du mit gutem Beispiel vorangehen und deinem Kind Ehrlichkeit vorleben.

8) Glauben schenken und zuhören
Ganz wichtig für das Vertrauen deines Kindes: Glaube ihm erstmal und höre genau zu, warum es so gehandelt hat. Wenn du dein Kind zu Unrecht beschuldigst und es nicht die Möglichkeit bekommt, sich zu erklären, wird seine Angst und darüber vielleicht auch das Lügen verstärkt.

9) Offenes Gespräch anbieten
Es ist immer hilfreich mit deinem Kind ins Gespräch zu gehen um die Gründe für sein Verhalten zu verstehen. Gerade bei Teenagern ist es noch viel wichtiger, sie zum Gespräch einzuladen. Dabei sollten sie aber nicht gelöchert werden mit Fragen, viel wichtiger ist das ehrliche Interesse an ihnen, ihren Interessen und Beweggründen.

10) Alternativen finden
Es ist wichtig, dem Kind zu vermitteln wie sehr eine Lüge andere verletzen kann. Du kannst deinem Kind helfen Alternativen zu finden, damit es in Zukunft nicht mehr auf Lügen zurückgreifen braucht um sich sein Bedürfnis zu stillen.

11) Lüge wieder gut machen
Ihr schaut zusammen, wie man die Lüge wieder aus der Welt schaffen kann. Es ist wichtig für dein Kind, in die Eigenverantwortung zu gehen, vor allem wenn durch die Lüge andere verletzt wurden.
Wichtig, um zukünftigen Lügen vorzubeugen: wenn dein Kind ehrlich ist, zeige eine positive Reaktion darauf, auch wenn du dich über das eigentliche Verhalten ärgerst. Es ist wichtig für dein Kind, den Wert von Ehrlichkeit zu lernen, und dir zu vertrauen, damit es offen mit dir redet und dir etwas anvertrauen kann, was es bedrückt und beschäftigt.

Kinder wollen bedingungslos geliebt werden, daher haben Lügen meist gute Gründe, die sich entweder auf die Entwicklung oder auf unerfüllte Bedürfnisse zurückführen lassen.
Bedenke auch: strenge Regeln können zu verstärktem Flunkern führen. Kinder brauchen einen gewissen Freiraum und möchten sich ausprobieren.
Mit Ehrlichkeit, Wertschätzung und einigen Freiräumen kannst du deinem Kind dabei helfen, sich in einer angstfreien Umgebung zu entwickeln.

Ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere Tipp hilfreich für dich und dein Kind ist.
Berichte gerne über deine Erfahrungen. Ich freue mich, von dir zu hören.

Alles Liebe
Martina

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